Das Patentrezept – Hamburgs Schulreform

Posted on June 30th, 2009 June 30th, 2009 by DerGoaner

Von Ruben Karschnick

Hamburg steht vor der größten Schulreform, die es seit 1945 je in Deutschland gegeben hat: Das Schulsystem wird einem Radikalumbau unterzogen. Doch was heißt das genau? Ein Überblick

Eigentlich wollte niemand diese Reform. Wer die Grünen wählte, war für die neunjährige Schule für alle und die Abschaffung der Gymnasien. Wer die CDU wählte, war für ein „Zwei-Säulen-Modell“ aus Gymnasium und Stadtteilschule. Die Grünen waren gegen die Pläne der CDU und andersherum; die Abschaffung der Gymnasien für die Christdemokraten undenkbar, und die GAL-Vorsitzende Christa Goetsch ließ verlauten, das „Zwei-Säulen-Modell“ führe in eine Sackgasse.

Dass CDU und Grüne koalieren würden, war bis dato kaum vorstellbar. Sie taten es trotzdem – und nach zähen Verhandlungen stand sie da, die Schulreform, die keiner gewählt hatte, ein Kompromiss der Koalitionspartner. Dazu wurde bekannt, dass die GAL einverstanden sei mit der Elbvertiefung und dem Bau eines Kohlekraftwerkes in Moorburg. Diese beiden „anti-grünen“ Punkte durchzusetzen, war den Christdemokraten scheinbar so wichtig, dass sie Abstriche bei der Bildungspolitik in Kauf nahmen und die Bildungsämter der GAL überließen. Seitdem laufen unter Bildungssenatorin Christa Goetsch alle Vorbereitungen für die große Hamburger Bildungsoffensive.

Bis in den letzten Winkel soll alles verändert werden, strukturell und inhaltlich, jede Schule und jeden Schüler betreffend – um Goetschs Vision von einer gerechteren Schule zu verwirklichen und den Pisa-Ergebnissen der letzten Jahre an den Kragen zu gehen.

Die Grundschulen werden zu Primarschulen erweitert, in denen alle Schüler zunächst sechs Jahre gemeinsam lernen werden. Danach entscheidet allein die Schule, nicht mehr die Eltern, wie es weiter geht, ob das Kind auf das Gymnasium kommt, oder in die Stadtteilschule. Letztere ist die Vereinigung von Haupt-, Real- und Gesamtschulen, wo alle Abschlüsse erreicht werden können, bis zum Abitur. Die Gymnasien verlieren – nachdem erst kürzlich das 13. Schuljahr gestrichen wurde – die Unterstufe, wodurch sie in sechs Jahren zum Abitur führen. An der Stadtteilschule braucht man dafür ein Jahr länger.

Dieser Radikalumbau ist das Fundament für die inhaltliche Reform. Hiernach soll jeder Lehrer eine Fortbildung für besseren und individuelleren Unterricht bekommen; jeder Schüler soll seinen Stärken und Schwächen entsprechend gefördert werden. Dazu stehen kleinere Klassen, Sprachförderung für Migranten und jahrgangsübergreifender Unterricht auf dem Programm. Sitzenbleiben soll darüber hinaus abgeschafft und die Noten bis Klasse sechs durch Kompetenzberichte ersetzt werden. Und damit das alles auch klappt, werden über hundert neue Lehrer eingestellt.

Das alles klingt blumig. Endlich hat jemand das Patentrezept, alles wird gut. Doch tatsächlich könnte die Schulreform ebenso zur großen Pleite werden. Denn es gibt zu viele Unbekannte, als dass ihr Ausgang vorhersehbar ist. Wird die Strukturänderung reibungslos verlaufen? Werden die Lehrerfortbildungen die hohen Ansprüche erfüllen? Wird die Stadtteilschule ihren Schülern zu besseren Abschlüssen verhelfen? Wie werden die Gymnasien das Wegfallen der Unterstufe verkraften?

Fragen über Fragen. Keiner kann sie richtig beantworten, auch wenn Christa Goetsch nur so vor Optimismus strotzt. Es ist und bleibt ein Experiment: Es kann klappen, es kann scheitern.

Ruben Karschnick hat auch ein Interview mit Christa Goetsch gefuehrt. Zu finden ist es hier:

Werbung: Super Online-Schnaeppchen machen bei Tchibo.de

Bookmark:
  • Print this article!
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • Identi.ca
  • MisterWong.DE
  • RSS
  • Technorati
  • Twitter
  • Webnews.de
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg
  • FriendFeed
  • Live
  • MySpace
  • Ping.fm
  • blogmarks
  • E-mail this story to a friend!
  • Faves
  • Linkter
  • MyShare
  • Turn this article into a PDF!
  • Upnews
  • Webride
  • Wists

Tags , , , , ,
Categories Ausgabe 6
You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Trackback from your own site.

One Response to “Das Patentrezept – Hamburgs Schulreform”

  1. Alles über die Schulreform von Christa Goetsch (GAL) und Ole von Beust (CDU) in Hamburg gibt es bei http://www.hamburg-schulreform.de

    Beatrix Wüstenfeld on 09.09.09 ()

Leave a Reply